Dein Moment ist immer jetzt – auch spät kann der Blick auf das eigene Ich heilsam sein

Dein Moment ist immer jetzt – auch spät kann der Blick auf das eigene Ich heilsam sein


Vom «Ich bin dumm und falsch» zu einem neuen Verständnis deiner Geschichte

Viele von uns haben ihre Schulzeit längst hinter sich. Und doch begleiten uns manche Fragen, Zweifel und alte Verletzungen bis heute.

Vielleicht gehörst du zu der Generation, in der Kinder selten erklärt bekamen, warum ihnen etwas schwerfiel – sondern einfach hörten, dass sie sich mehr anstrengen müssten.

In den letzten Jahren tauchen immer öfter Worte auf, die es früher in dieser Vielfalt nicht gab: neurodivergent, hochkreativ, neurosensitiv, vielbegabt. Begriffe, die versuchen, etwas zu beschreiben, das eigentlich so individuell und bunt ist, dass es kaum in Worte passt.

Und doch: Je mehr ich darüber lese, desto öfter entdecke ich mich – und viele andere, die wie ich nie so recht in das starre Bildungssystem von damals gepasst haben.

Manchmal frage ich mich: Wie wäre mein Leben – und das Leben vieler anderer – verlaufen, wenn wir früher die Unterstützung bekommen hätten, die wir wirklich gebraucht hätten? Wenn nicht starre Raster wichtiger gewesen wären als Individualität, andere Denkweisen und kreative Lösungswege?

Maras Geschichte (stellvertretend für viele)

Mara war ein Kind, das sich in andere Zeiten und Welten träumen konnte. Archäologie, Geografie, Kontinentalplatten, das Mittelmeer, das einst ausgetrocknet war – all das war für sie spannender als jeder Pausenhoftratsch über Puppen, Schminke oder Kleider.

Sie konnte stundenlang in dicken Büchern blättern, sich vorstellen, wie sich die Erde verschoben hat, wo Menschen gelebt haben. In ihren Gedanken war alles lebendig und sie mittendrin.

Im echten Leben war Mara schüchtern. Lärm brachte sie aus dem Gleichgewicht, raue Stoffe auf der Haut fühlten sich an wie kleine Nadelstiche. Heute würde man vielleicht sagen: Sie war neurosensitiv - sie nahm Reize, Stimmungen und Spannungen besonders fein wahr.

In der Schule konnte sie rechnen. Die Ergebnisse stimmten oft. Aber der Weg dahin? Der war nicht so, wie ihn die Lehrerin sehen wollte. Ihre Gedanken sprangen, der Rechenweg war nicht linear. Das richtige Resultat genügte nicht, der «richtige» Weg zählte mehr als das Ergebnis.

Beim Schreiben wurde es noch schwieriger. Die Buchstaben schienen vor ihren Augen zu tanzen, ganze Geschichten entstanden in ihrem Kopf, doch auf dem Papier wurde daraus ein Irrgarten aus Buchstaben. Manche Wörter waren kaum zu lesen, anderen fehlte ein Buchstabe, manche Buchstaben standen spiegelverkehrt da.

Was man heute als Dyslexie oder Legasthenie kennt – eine Lese- und Rechtschreibschwäche, die nichts mit Intelligenz zu tun hat –, war damals oft einfach nur: «Du kannst es nicht. Du strengst dich nicht genug an.»

Ab der dritten Klasse wurde Mara in die Sonderschule geschickt.

Auf dem Pausenhof erlebte sie Mobbing. «Du Dummi» – diese Worte hörte sie öfter als ihren eigenen Namen. Irgendwann glaubte sie es selbst.

Diktate wurden zum Albtraum, jede Woche aufs Neue. Es zählte nur: Das ist falsch. Das musst du so schreiben. Das musst du so rechnen. Alles andere hatte keinen Raum.

Also tauchte Mara immer häufiger in ihre eigenen Geschichten ab. Inspiriert von Landkarten, Bildern über Biotope, Höhlensysteme und die Welt im Querschnitt, die an den Wänden des Klassenzimmers hingen, baute sie sich innere Welten, in denen sie nicht falsch war, sondern genau richtig.

Auch zu Hause war vieles nicht leicht. Alte Verletzungen, schwierige Verhältnisse – es gab viele Schatten.

Und doch: Mara gab nie auf. Ihre Kreativität wurde zu ihrem Anker.

Sie machte eine Lehre, bildete sich weiter schaffte mehrere berufsbegleitende Studiengänge. Heute wissen nur wenige, wie es Mara in ihrer Schul- und Lehrzeit wirklich ging. Nach aussen wirkt sie stark, manche bewundern, was sie geschafft hat.

Und doch bleibt tief in ihr das alte Gefühl, falsch und dumm zu sein – wie ein Schatten, der sich nicht vertreiben lässt.

Vielleicht erkennst du dich an manchen Stellen wieder.

Heute

Seit einigen Jahren begegnen Mara Begriffe, die früher niemand benutzt hat und die, bei Mara und in der Welt etwas bewegen.

Neurodivergent: Menschen, deren Denken, Fühlen und Wahrnehmen von der gewohnten Norm abweicht. Dazu gehören zum Beispiel besondere Formen von Aufmerksamkeit und Konzentration, Autismus, Dyslexie, oder andere Arten von Anderssein, die lange als «Problem» galten.

Hochkreativ: Menschen, die ungewöhnlich viele Ideen haben, neue Verknüpfungen sehen und eigenwillige Lösungswege finden.

Neurosensitiv: Menschen, die Reize, Geräusche, Stimmungen und Spannungen besonders fein wahrnehmen und dadurch schneller überfordert sind, aber auch oft sehr empathisch reagieren.

Vielbegabt oder vielseitig interessiert: Menschen, die nicht nur eine Fähigkeit haben, sondern viele verschiedene Interessen und Talente. Sie passen nicht in eine einzige Schublade, sie füllen gleich mehrere gleichzeitig.

Mara erkennt: Das, was früher einfach als «nicht normal» abgestempelt wurde, hat heute Namen. Und manchmal sogar Wertschätzung.

Statt «Du bist schwierig» könnte man heute sagen: «Du nimmst viel wahr.»
Statt «Du bist zu verträumt, zu zappelig»: «Dein Gehirn ist schnell, es braucht passende Wege, um zu lernen.»
Statt «Du bist dumm»: «Du denkst anders. Und genau das ist deine Stärke.»

Warum das Thema so wichtig ist

Viele Erwachsene haben nie die Unterstützung bekommen, die heute – zumindest manchmal – Kindern und Jugendlichen zugutekommt. Diagnosen, Förderangebote, Verständnis für unterschiedliche Lernwege: All das war früher selten oder gar nicht vorhanden.

Noch immer erleben viele Ablehnung, Unverständnis oder Stigmatisierung. Oder sie behalten ihre Erlebnisse einfach für sich.

So wie Luis, der seiner Frau noch nie die Wahrheit über seine Schulbildung erzählt hat. Aus Scham, sie könnte schlecht von ihm denken, wenn sie wüsste, in welcher Schulform er war, welche Noten er hatte. Und das, obwohl die beiden seit über dreissig Jahren verheiratet sind.

Die alten Sätze wirken weiter:
Ich bin dumm.
Ich bin faul.
Mit mir stimmt etwas nicht.

Doch was wäre, wenn diese Sätze nie wahr waren?
Was wäre, wenn du einfach nur nie richtig gesehen wurdest?

Wenn wir anfangen, Vielfalt nicht nur bei unseren Kindern, sondern auch bei uns selbst und den Generationen, die ihre Schulzeit längst hinter sich haben, nicht mehr als Makel zu sehen, sondern als eine andere Art, zu denken, zu fühlen und zu lernen, dann eröffnen sich neue Wege.

Für Kinder, für Jugendliche. Und für Erwachsene, die vielleicht erst jetzt verstehen, dass sie nie falsch waren.

Vielleicht gelingt es uns dann, alte Verletzungen ein Stück weit zu heilen.

 

Die Kraft deiner Ressourcen

Viele Menschen, die sich früher als «anders» oder «nicht richtig» erlebt haben, entdecken heute ihre eigenen Stärken.

Kreativität: die Fähigkeit, neue Wege zu finden, wenn der „normale“ Weg nicht funktioniert.

Durchhaltevermögen: trotz jahrelanger innerer Zweifel und äusserer Urteile weiterzugehen.

Ein feines Gespür für Stimmungen: zu merken, wie es anderen geht, bevor es ausgesprochen wird.
Die Gabe, Zusammenhänge zu sehen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

Vielseitigkeit: mehrere Interessen und Talente, die ein Leben reich und bunt machen.

Oft sind es genau diese Ressourcen, die aus dem entstanden sind, was einst als Schwäche galt. Und vielleicht ist es an der Zeit, sie bewusst anzuerkennen.

Nicht, um die Vergangenheit schönzureden. Sondern um dir heute zu erlauben, dich vollständiger zu sehen: mit deinen Wunden und mit deinen Schätzen.

Genau an diesem Punkt beginnt für viele Menschen eine neue Reise.
Nicht zurück in die Vergangenheit, sondern hin zu einem neuen Verständnis der eigenen Geschichte.

In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie kraftvoll es sein kann, die eigenen Erfahrungen, Verletzungen und Ressourcen Schritt für Schritt sichtbar zu machen. Das kann über das Malen, über einen gestalterischen Prozess oder auch über das Schreiben geschehen.

Aus genau dieser Erfahrung heraus entsteht auch mein Buchprojekt «Schluss mit Grau, Lebensfluss in Farbe», das Menschen dabei begleitet, ihr Selbstbild neu zu entdecken und ihre eigene Lebensspur bewusster zu verstehen und neu zu gestalten.

Und du?

Kennst du das Gefühl, irgendwie «anders», «falsch» oder «dumm» zu sein, obwohl du im Inneren spürst, dass da mehr ist?

Erkennst du dich in Begriffen wie neurosensitiv, hochkreativ oder vielbegabt wieder – vielleicht zum ersten Mal in deinem Leben?

Welche Stärken hast du im Laufe deines Weges entdeckt, vielleicht gerade wegen deiner Umwege?

Dein Moment ist immer jetzt.


Auch spät kann der Blick auf dein eigenes Ich heilsam sein.

Ich freue mich auf deine Geschichte und den Austausch.

 

Herzlich Daniela

Daniela Simmen

Atelier Farbmomente

Noch bis Mitte April:

Seestrasse 97a, 8610 Uster

ab Mai/Juni in Reinach AG

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